Eigentlich war die Idee einer Skitour auf den Tödi, den höchsten Gipfel der Glarner Alpen, nichts mehr wirklich Neues: Bereits seit einigen Jahren war der Tödi mein Wunschziel, aber irgendwie ist es sich dann doch nie ausgegangen. Das Wetter zu schlecht, die Bedingungen ungünstig, niemand hatte Zeit und und und. Wie eben so häufig.

Aber dieses Jahr sollte es klappen: Die Schneeverhältnisse waren diesen Winter hervorragend wie schon lange nicht mehr, die Lawinensituation seit 14 Tagen mit Stufe 1 – 2 äußerst gering und die Wetterlage versprach für das letzte März-Wochenende stabilen Hochdruckeinfluss über dem gesamten Ostalpenraum. Und nachdem noch einige KollegInnen intensives Interesse an der Tour bekundet hatten – nicht ohne vorher mal nachzugrübeln, wo denn der Tödi (oder Piz Russein wie er auf Graubündnerisch heißt) überhaupt liege – war der Plan perfekt.

Der Tödi gilt als relativ selten bestiegener Gipfel, sicherlich kein Modeberg wie die 4000-er im Wallis. Dazu ist er doch zu klein, zu abgeschieden, zu wenig berühmt. Aber er ist auch nicht zu unterschätzen. Die beiden Eisbrüche können – vor allem später im Jahr bei weniger Schnee – recht tückisch sein. Zudem ist die Tour recht weit und je nach Situation auch manchmal lawinengefährdet. Doch heuer versprachen die optimalen Bedingungen eine problemlose Besteigung.

Am ersten Tag, Samstag, ging es von Tierfehd (kurz hinter Glarus) durch eine enge Schlucht zur Alpe Vordersand. Schon beim Zustieg wird einem die gewaltige Dimension der Berge bewusst. Links und rechts der Schlucht ragen senkrechte Felswände empor, die Berge erscheinen schroff und abweisend. Kurz vor der Alpe Vordersand quert man eine Stelle, die äußerst steinschlag-gefährdet sein dürfte, kollern hier doch immer wieder fußballgroße Felsbrocken auf die Zustiegsspur.

 

Großes Panorama schon nach der ersten Stunde Zustieg.

Ab der Alpe, etwa auf einer Höhe von 1.300 m, weitet sich die Schlucht zu einem wunderschönen Kessel, den man hier nie vermuten würde. Märenwald nennt sich das Gebiet und es trägt seinen Namen wohl zu Recht. Umringt von steilen Wänden hat sich hier ein flacher Talboden gebildet, ideales Alpgelände im Sommer. Den imposanten Abschluss des Tals bildet die markante Pyramide des Ochsenstocks, der von dieser Seite abweisend und schwer zu besteigen wirkt.

Wir wenden uns nach links und gelangen über einen freien Hang und durch einen kurzen, unangenehm zu durchquerenden Waldgürtel auf einen flachen Boden, der sogenannte Tentiwang, auf etwa 1.600 m. Hier beginnt nun feinstes Skigelände. Während einige Tourengeher vor uns die flachere aber wesentlich längere Variante entlang der Abfahrtslinie wählen, verfolgen wir den Sommerweg und gelangen nach schweißtreibenden 400 Hm zur Fridolinshütte.

Hier, auf etwa 2.100 m erwarten uns noch genau 5 Minuten Sonne auf der Terrasse und ein kühles Bier zur Entspannung. Und wieder meckert Kollege Reini, dass er nie mehr so spät wegfahren und vor allem nie mehr mit mir über’s frühere oder spätere Aufstehen verhandeln wird.

 

Fridolinshütte – klein, wasserlos aber doch perfekt

Mit etwa 60 Schlafplätzen ist die Hütte gut gefüllt. Groß ist sie nämlich nicht, Wasser gibt es im Winter auch keines und die Gaststube bietet gerade Platz genug, dass sich alle Gäste um die wenigen Tische drängen können.

Aber es herrscht eine angenehme Atmosphäre, die Wirtsleute sind enorm bemüht und freundlich. Und vor allem: 3 Biersorten und ein reichhaltiges Menü (Hauptspeise: Risotto mit Leberkäs‘) lassen manche Unannehmlichkeit vergessen. Die Nacht ist – wie schon so oft auf Hütten – unruhig und nicht sehr erholsam, aber dafür entschädigt ein ein gutes Frühstück.

 

Früher Aufbruch zum Eisbruch

Die Umstellung auf die Sommerzeit – Uhren eine Stunde vorstellen! – verkürzt die Nacht zusätzlich und so krabbeln wir recht unausgeschlafen aus den Lagern. Lange vor Sonnenaufgang – etwa um 05:30 Uhr Sommerzeit – machen wir uns auf den Weg. Nach einer kurzen Abfahrt betritt man auf einer Höhe von etwa 2.100 m  den flachen Bifertengletscher, wo schon gleich der erste Eisbruch wartet. Imposant türmt sich das Eisgebirge auf, im Sommer oder bei wenig Schnee sicher ein ernstes Hindernis.  Heuer jedoch, so früh im Jahr und aufgrund der guten Schneelage, lässt sich der Bruch problemlos rechts umgehen, nicht einmal Harscheisen waren dafür notwendig.

Nach einem kurzen Aufschwung steht man dann auch schon vor dem zweiten Eisbruch. Dieser erfordert ab etwa der Hälfte seiner Höhe den Wechsel auf Steigeisen. Der Anstieg selbst ist dann aber wiederum problemlos, die Spalten sind alle gut gefüllt und von Eisterrasse zu Eisterrasse kommt man recht schnell an den Ausstieg. Bei der Abfahrt gab’s dann sogar ein paar Mutige, die mit den Skiern über den Bruch abgefahren sind – oder zumindest über weite Teile runtergerutscht sind.

 

Endlose Weite – bittere Kälte

Bis hierher nach dem zweiten Eisbruch auf etwa 2.900 m ging es ja recht flott dahin. Aber nun zieht sich die Sache doch deutlich in die Länge. So schnell wie erhofft, werden wir nicht am Gipfel stehen. Die Distanzen werden immer länger, die Schritte immer kürzer und das eigene Schnaufen immer deutlicher. Aber zumindet ist der Gipfel schon in Sichtweite. Über wunderbares Skigelände geht es dem letzten Steilaufschwung zu. Noch mal eine kurze Rast, noch ein Schluck Tee und so lassen sich schließlich auch die letzten Spitzkehren meistern.

Dass, kaum am Gipfel angekommen, ein derart fürchterlichen Wind weht, damit haben wir jedoch nicht gerechnet. Wo doch bisher alles so angenehm und windstill war. Die gemütliche Gipfeljause fällt damit flach. Gerade einmal ein paar Fotos gehen sich aus, auf denen wir aussehen wie im Himalaya, so dick sind wir eingepackt. Also kurzes Posieren neben dem kleinen Gipfelkreuz und dann nichts wie runter. Ein paar hundert Meter tiefer ist es dann wieder richtig angenehm, hier können wir die Jause nach- und uns erholen. Und uns endlich so richtig über den Gipfelsieg freuen.

 

2.900 m Abfahrt

Nach der kurzen Pause raffen wir uns auf und starten die Abfahrt. Fast 2.900 Hm geht es zurück in Tal. Mit dem schweren Rucksack keine leichte Angelegenheit, aber der Schnee ist stellenweise noch richtig gut, ein paar hundert Höhenmeter hat es sogar so etwas wie Pulver. Und dann stehen wir eh schon wieder vor dem obersten Eisbruch: Noch einmal kurz abschnallen, wieder mit den Steigeisen an den Füßen durch den Bruch, und ab gehts weiter talwärts Richtung Firn.

Was es am Gipfel zu kalt war, das wird’s jetzt zu warm. Am Talboden von Vordersand knallt die Sonne schon ordentlich rein und wir bedauern die armen Tourengeher, die noch bis zur Hütte aufsteiegen müssen. Je weiter wir uns dem Auto nähern, um so müder werden die Beine und umso mehr freuen wir uns auf das ersehnte Getränk – was kann schließlich eine derartig imposante Tour besser belohnen als ein wohlverdienter Schluck Gerstensaft.

 

Tödi bzw. Piz Russein (Glarner Alpen) 3.614 m, Ausgangspunkt Parkplatz Tierfehd auf ca. 800 m
Aufstieg zur Fridolinshütte ca. 4,00 Std. / 1.300 Hm
Aufstieg von der Hütte zum Gipfel ca. 5 Std. / 1.500 Hm

Tourenbeschreibungen, Hüttenhomepage: Tourentipp, Bergwelten, Fridolinshütte, Tourenverhältnisse